Kennen Sie dies schon?

Markus 8,36
 Was hat ein Mensch davon, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber zuletzt sein Leben verliert?
weiter …
 

Home arrow Gedanken arrow Predigt vom Karfreitag 2009 "Warum lässt Gott das zu?"
Predigt vom Karfreitag 2009 "Warum lässt Gott das zu?" PDF Drucken E-Mail

"Warum lässt Gott das zu?"
Predigt am Karfreitag 2009 in der Dorfkirche Ende von Pfarrer Guido Hofmann

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,
Am heutigen Karfreitag möchte ich einer Frage nachgehen, die mir immer wieder begegnet. „Warum lässt Gott das zu?“
Zunächst möchte ich die Frage genauer entfalten.
Da ist einer an einer unheilbaren Krankheit erkrankt. Es ist klar, dass eine Zeit des Leids und des Abschieds bevorsteht. Und dann stellt sie sich in ungeahnter Härte. Unter Tränen, in Verzweiflung: Warum? Wie kann es Gott zulassen, dass es mir so schwer geht? Und wenn ich so daneben sitze, frage mich, ob ich denn selbst überhaupt auf diese Frage eine Antwort geben könnte. Zumindest eine Antwort, die eigentlich nicht mehr zum Ausdruck bringt als mein eigenes Scheitern an dieser Frage.
Warum lässt Gott das zu? Wenn Jesus von Gott redet, so spricht er von einem Gott, der für die Schwachen eintritt. Es ist ein Gott, der heilt, der die Menschen liebt. Gerechtigkeit und Barmherzigkeit sind seine Namen. Und dann sehen wir das Leid in der Welt. Menschen, die anderen den Frieden nicht gönnen. Irgendwo auf dieser Welt wird ein Krieg vorbereitet, irgendwo plant ein Jugendlicher einen Racheakt, irgendwo überdeckt die Gier die Rücksicht auf die Menschen und stürzt Tausende ins Elend. Warum lässt Gott das zu? Warum greift er nicht ein?
Und weiter: Wie kann Gott das zulassen, dass die Bedeutung von Glauben und Hoffnung, von der Jesus sprach, so zurückgeht? Wie kann er das zulassen, dass Menschen von den Bemühungen in unserer Zeit so schwer zu erreichen sind? Und bleibt die Hoffnung in einer Welt, in der wir auf uns einen ganzen Berg von Veränderungen zuschwemmen sehen? Warum lässt Gott es zu, dass wir so schwerfällig daher gehen?

Warum lässt Gott das zu? Diese Frage hat eine unglaubliche Härte. Mancher sieht im Leid und im Scheitern den Grund, Gott zu leugnen. Wenn Gott das zulässt, dann kann ich auf ihn verzichten. „Er ist nur eine Idee, die sich jene zurechtzimmern, die noch nicht eingesehen haben, dass es keinen liebenden und barmherzigen Gott gibt.“ Oft ist an dieser Stelle die Diskussion vorbei. Manches können wir vielleicht sogar innerlich nachvollziehen, aber was können wir denn sagen, wenn wir nicht nur schweigen wollen?
In drei Schritten möchte ich dieses Problem betrachten. Gehen wir doch den Worten der Frage einmal nach, um sie zu vertiefen:
1. Warum?
Es ist die alte Frage, die sich Gläubige in der Bibel zu allen Zeiten gefragt haben? Warum ist es nur möglich, unter Schmerzen Kinder in die Welt zu bringen. Warum muss oft mit solcher Mühe dem Acker das Essen entrissen werden? Wir merken: wir sind wie aus dem Paradies Vertriebene. Am Anfang muss es anders gewesen sein. Das Paradies beschreibt die Welt, in der das Leid, die Scham, die Konsequenz für selbst gemachte Fehler noch keine Bedeutung haben. Und so beschreibt die Vertreibung aus dem Paradies die Situation, die wohl jeder kennt. Das Leben ist mühsam. Es gibt so viele Schwierigkeiten, dass wir gar nicht wissen, wie wir mit unserer kleinen Kraft sie alle meistern sollten.
Die Frage „Warum“ ist ein Eingeständnis. Ich habe nicht alles in der Hand. Ich kann nicht alles selbst entscheiden, selbst beeinflussen, auch wenn ich es wollte. Ich bin nicht Gott, auch wenn ich es in meinen Fantasien manchmal denke. Ich bin nicht im Paradies.
Warum? Darin steckt die Aufforderung an mich selbst: Wache auf aus deinen Allmachtsfantasien. Wache auf aus dem Gedanken, das Leben sei eine Kaffeefahrt, auf der du alles geschenkt bekommst, wenn du nur recht freundlich lächelst.
Warum hast du mich verlassen? Das ist ein Schrei, der durch die Psalmen des alten Testaments hallt. Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne? Der Psalmbeter erinnert Gott daran, dass er es doch so tun soll, wie er es oft getan hat. Warum? Darin steckt die ganze Verzweiflung eines Menschen, der von dem Gott der Liebe und Gerechtigkeit weiß. Er geht davon aus: „Es gibt keinen Ort, an dem Gott selbst nicht ist. Er hält seine Versprechen. Er hat sich nicht zurückgezogen. Er ist doch an meiner Seite.“
Wer diese Frage nach dem Warum stellt, spürt zugleich dieses Gefühl des „Ausgeliefertseins“ bis an die Schmerzgrenze. Darin steckt die Furcht, dass am Ende nicht die Liebe, die Güte und der Friede steht, sondern etwas anderes dahinter stecken könnte. Etwas Kaltes, Gefühlsleeres, ein zynischer Gott, der sich am Leid ergötzt. Das ist der Moment des Zweifels, der das Gemüt zerschlägt, der das Grauen lehrt.
Auch Jesus stellt diese Frage: Warum hast du mich verlassen? Er kennt diese Verzweiflung. Er bringt sie zum Ausdruck wie sie in Stunden des Leids und des Todes tausendfach, millionenfach, milliardenfach gestellt wurde.

Und gleichzeitig reden wir davon, dass dieser Tag, als Jesus diese Worte schrie, ein Tag war, der von Gottes Liebe, von Gerechtigkeit und Frieden erzählt.
Wir wissen von Ostern. Das Warum wandelt sich durch dieses Wissen. Wir glauben, dass das Leid Jesu von Gottes Liebe erzählt, die das Leiden verwandelt. Karfreitag ist keine „Vergötzung“ des Leidens. Karfreitag nimmt das Leid ernst. Leid ist ein Teil des Lebens und Sterbens.
Aber der Schrei Jesu ist nicht das Ende. Vielmehr beginnt hier das Neue. Karfreitag ist nicht ohne die Ereignisse an Ostern zu verstehen. Das Leid wandelt sich durch die Liebe.
Wenn wir von dem Tod Jesu erzählen, ändert sich die Fragestellung: Wir sehen es immer aus der Perspektive nach Ostern, dem Fest des Lebens. Aus dem „Warum“ wird ein „Wozu“. Wozu lässt Gott das zu? Diese Frage geht davon aus, dass es der Gott des Lebens und der Liebe ist, dem ich diese Frage stelle. Sie verlässt sich auf die Osterbotschaft sogar an Karfreitag. Wozu lässt er es zu? Das mag die Perspektive öffnen. Sie erklärt nicht, was wir erleiden. Wozu? Diese Frage ist gefüllt mit Vertrauen, dass auch das Schwere, das wir erleben, das Gute, das Leben, die Liebe im Sinn hat. Der Gott des Lebens will überwinden, was uns bedrückt. Davon erzählt Karfreitag. Das Leid ist nicht sein Wille. Der Schmerz soll überwunden sein. Auch Leid und Tränen, denn er macht alles neu. Die Krise ist die Wende, und der Tod ist der Anfang vom ganz Neuen. Das sagt der Glaube gegen die Hoffnungslosigkeit.

2. Warum lässt Gott das zu?
Gehen wir einen Schritt weiter. Wer gehört eigentlich auf die Anklagebank:
Wenn wir fragen: Warum lässt Gott das zu, so ist es an dieser Stelle Gott, der auf der Anklagebank sitzt. Hier muss er sich rechtfertigen. Unterlassene Hilfeleistung ist ein Strafrechtsbestand. Immer wieder sind es die Bilder des Gerichts, die das Verhältnis Gott-Mensch beschreiben. An vielen Stellen der Bibel ist Gott entweder der Richter, an anderen ist er der Anwalt. Hier nun sitzt Gott auf der Anklagebank. Lange war dies den Menschen ungehörig, so zu denken. Wird doch die Autorität Gottes infrage gestellt. Die Erfahrungen des letzten Jahrhunderts sind es, die die Theodizeefrage („Rechtfertigung Gottes“) in aller Schärfe auf den Plan brachten. Gott auf der Anklagebank. Gott soll sich rechtfertigen für sein Handeln.
Unsere Verfassung sähe einen parlamentarischen Ausschuss vor, der die Wahrheit ans Licht bringt. Warum lässt du, Gott, das zu? Hintergründe aufdecken, Motive verstehen, das „Wozu“ erahnen; macht nicht nur das Versöhnung möglich mit diesem Gott?
Aber zunächst wäre zu fragen, ob es nicht die Verkehrung der Verhältnisse ist, die in damit vorgenommen wird. Ist es nicht der Mensch, der auf die Anklagebank gehört? Wird nicht Gott angeklagt, wo der Mensch versagt hat? Muss die Frage nicht eigentlich lauten: Warum, Mensch, lässt du das zu?
Menschen lassen zu, dass Gewalt eine Möglichkeit wird. Menschen lassen es zu, wenn Kinder keine Zukunft sehen. Menschen sind es, die zulassen, dass Solidarität abgewertet wird. Menschen sind es, die in ihrem Verhalten täglich zeigen, dass es das Geld ist, das unser Leben regiert. Es sind Menschen, die sich auf dem Weltmarkt benehmen wie Kinder beim Monopoly. Wer steigert mit seinem Energieverbrauch das weltweite Klima? Wer betet das Mantra: Geiz ist geil? Wer ist nur sich selbst der Nächste? Wer gehört auf die Anklagebank?
Betrachten wir mit dieser Frage die Leidensgeschichte Jesu: Es sind seine Richter, die ihre Macht missbrauchen und schuldig sprechen. Jesus ist auf der Anklagebank. Der Glaube sagt: Es ist Gott auf der Anklagebank. Hier wird genau dieser Gedanke durchgespielt. Was ist, wenn der falsche auf der Anklagebank sitzt? Was geschieht, wenn es Gott selbst ist, der zum Sündenbock für den Menschen gemacht wird. Wohin führt das?
Wir wissen, wie es endet. Gott lässt sich das gefallen. Gott lässt sich verspotten. Und dennoch führt dies nicht in die Sackgasse. Die Leidensgeschichte Jesu, sein Ende erzählt: sogar wenn Gott angeklagt wird für das, was eigentlich Problem der Menschen ist, führt dies nicht in die Leere. Sogar dies vermag er zu ertragen. Und er vermag es zu verwandeln. Er zeigt, was es heißt, Verantwortung zu tragen sogar für das, wofür er nicht unmittelbar verantwortlich ist.
In der Leidensgeschichte Jesu siehst du, wozu ein Mensch fähig ist, und du siehst, wozu Gott fähig ist: alles zu verwandeln. Die Mächtigen haben nicht die Macht über Jesus. Nicht die Ankläger, nicht die Spötter, auch wenn es im ersten Augenblick so scheint.
Was die Karfreitag erzählt, ist keine Todesgeschichte. Karfreitag ist eine Wandlungsgeschichte. Sie erzählt davon, dass Wandlung nicht abseits und fern vom Leid geschieht, sondern dass der goldene Faden des Lebens im Leid verwoben sein kann. Und zugleich ruft sie uns auf, gegen den Schmerz aufzustehen, ihn als sinnlos zu brandmarken. Es waren Menschen, die Jesus opferten. Das „Wozu?“ wurde erst deutlich, als an Ostern klar wurde, dass Gottes Liebe weiter geht als alle menschliche Verbohrtheit.
Karfreitag stellt die Frage: Warum lässt du, Mensch, das Leid zu? So nimmt Karfreitag uns Menschen ernst. Unsere Möglichkeiten, unsere Verantwortung. Wir müssen nicht alles zulassen. Nachfolge Jesu heißt Nachfolge in der Überwindung des Leids. Auferstehung ist da, wo der Mensch aufsteht gegen das Böse und die Hoffnung herauszuschreien, dass der Schmerz, das Leid ein Ende hat.

3. Wie ist Gott eigentlich oder die Frage des Gottesbildes.
Aber es bleiben auch in dieser Perspektive Fragen. Warum lässt Gott das zu? Erdbeben, Tsunamis. Schreckliche Krankheiten. Müssen wir dazu schweigen? Vielleicht. Denn es wird so schnell schief, was wir sagen. Vielleicht müssen wir diese Fragen dereinst ihm selbst stellen. Ich hoffe mit Paulus: Jetzt erkenne ich stückweise, dann aber, wenn unser Leben endet, in Vollkommenheit. Aber was können wir stückweise sagen?
Vielleicht liegt es an dem Denkmodell, das wir von Gott haben: Wie ist Gott? Viele Menschen denken von ihm wie von einem General. Er befiehlt über alles, wir sind die, die es ausbaden müssen. Auch einen schlechten Befehl. Wir sind wie Marionetten an einem Fadenkreuz des Glücks und Unglücks. Oder ist er der Erzieher, der uns erst in Form bringen muss, damit wir richtig funktionieren. Schrecklich der Gedanken, das Leid sei eine „Erziehungsmethode“.
Wie wäre es, wenn er alles umschließt und durchdringt, auch das Leid. Wenn alles in ihm geborgen ist und er wie wir auf die neue Zeit hinsteuert, in der all die Brüche der Welt aufgehoben sind?
Alles ist in ihm geborgen. Auch die Momente, in denen wir denken. Gott zeigt seine Ohnmacht so wie Jesus am Kreuz. Aber er sagt uns voll seiner Macht, wie wir das Leid angehen können. Das zeigt er in Jesus. Er heilt, tröstet, liebt die Schwachen, verändert die Verbohrten. Er leidet, scheitert, bittet um Kraft in schwerer Zeit. Jesus zeigt: Gott kennt uns in und auswendig. Er ist auf unserer Seite. Er will uns befreien von dem, was unser Leben friedlos und schwer macht. Er will uns losmachen von dem Wahn, nur der Gesunde, der Starke sei wertvoll. Von einer Befreiungsgeschichte, die das Leid der Welt mit einschließt, erzählt die Geschichte Jesu.

Abschluss
Wenn wir über Gott als Erwachsene sprechen wollen, dürfen wir uns nicht vor dem Leid drücken, wie wir es so gern tun. Der erwachsene Glaube verlangt manches Nachdenken, manche Ehrlichkeit. Er verlangt von uns, dennoch an Gott zu bleiben. Das übersteigt manches Mal unsere Denkvermögen. Warum Gott das so will? Weil er uns ernst nimmt und frei machen will als seine Kinder, die ihm die Ehre geben und darauf vertrauen, dass er uns die Kraft schenkt, unser Leben mit allen Nuancen zu meistern. So eine vorläufig Antwort am Karfreitag 2009. Und wahrscheinlich kämpfe ich morgen wieder um eine Antwort.

Pfarrer Guido Hofmann, Ev. Kirchengemeinde Ende
Copyright

 

 

aktuelle Termine

Bundestags- Wahl
24. September 2017 08:00'

Gottesdienst zur Calvin-Ausstellung
24. September 2017 10:30'

Ausstellung Calvin
24. September 2017 11:30'

Offenes Gemeindezentrum Ahlenberg
24. September 2017 14:30'

Ausstellung "Calvin, der europaeische Reformator"
26. September 2017 18:00'

Bibel- Gespraechskreis
26. September 2017 18:30'

Ausstellung "Calvin, der europaeische Reformator"
27. September 2017 18:00'

Ausstellung "Calvin, der europaeische Reformator"
28. September 2017 18:00'

Vortrag faellt leider aus!!! Martin Luther und Johannes Calvin
28. September 2017 19:00'

Gottesdienst im Altenzentrum
29. September 2017 10:00'

kirchentitelfoto1.jpg
© 2005 – 2017 Evangelische Kirche Ende