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Das Puzzle des Lebens

Das Puzzle des Lebens

Es gibt Tage, die laden dazu ein, auf sein Leben zu blicken: Geburtstage, Jubiläen, Gedenktage oder Urlaubstage. Was sehen Sie, wenn Sie auf Ihr Leben blicken?
Da gibt es Gelungenes, Bruchstückhaftes,
Schönes, Schwieriges,
Fröhliches, Trauriges,
Abgebrochenes, Erfülltes,
das, was Sie stolz macht,
das, was Sie aufgeben, verabschieden mussten,
Stress und Freiräume,
Tragen und Getragen-werden,
Liebe und Leid.

Unser Leben ist Stückwerk, sagt Paulus in 1. Kor 13. (Ein schöner Text, lesen Sie mal nach!)
Ja, manches ist Stückwerk und manchmal gibt es auch das andere: dieses Gefühl von Ganzsein – aber bei den meisten von uns nicht so oft wie es uns in der Werbung gezeigt wird.
Was wir tun, was wir wissen, was wir verstehen, was wir versuchen, ist Stückwerk, auch unser Glaube ist Stückwerk.
Ist das ein trübsinniger Gedanke? Auf dem Hintergrund des Ideals eines vollkommenen Lebens kann das so klingen. Wenn ich es sowieso nicht schaffe, dann kann ich es doch gleich lassen!

Ich verstehe „Stückwerk“ anders.
Im Stückwerk ist das Ganze angelegt.
An einem antiken Fragment scheint die Schönheit der ursprünglichen Statue durch, auch wenn das Kunstwerk zerbrochen und nur ein kleiner Teil davon sichtbar ist.
Und wenn ich es auf das Leben beziehe:
Jeder Handwerker weiß: Stein für Stein wird das Haus gebaut, Arbeitsschritt für Arbeitsschritt das Brot gebacken, Programmierschritt für Programmierschritt entsteht das Programm, Vokabel für Vokabel lerne ich die Sprache, Takt für Takt erprobe ich ein Musikstück, Schritt für Schritt besteige ich den Berg.
Stückwerk für Stückwerk sammle ich Erfahrungen. Jede einzelne für sich bleibt Stückwerk. Gesammelt  - und erst recht geteilt in der Gemeinschaft - ergeben sie eine Fülle von Leben.

Bei dem Begriff „Stückwerk“ muss ich immer an ein Puzzle denken. Auch wenn noch nicht alle Teile zusammen sind: das Bild ist schon erkennbar. Auch wenn es schmerzhaft und ärgerlich und tragisch ist, wenn Teile fehlen: sie gehören zum Ganzen dazu. Wir können dennoch das Ganze sehen.
Ich bin überzeugt: Gott sieht das Ganze, macht aus dem Stückwerk unseres Lebens ein Ganzes.

Ich habe kürzlich ein Kurzvideo des Künstlers Martin von Barabü gesehen. Er „zaubert“ in ein Puzzle immer neue Teile ein. Und doch passt zum Schluss der Rahmen genauso wie am Anfang.
Wenn ich Paulus dazu fragen würde, er würde sagen: „Der Rahmen, der alles zusammenhält, der immer passt? Klar! Das ist Gottes Liebe.“

Dörte Godejohann, Pfarrerin

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